Mail Art / Correspondence Art
eine künstlerische unbedeutende Randaktivität oder ein ernstzunehmendes Betätigungsfeld
für freie Kommunikation zwischen den Völkern ?
von Dr. Klaus Groh
- Könnten Sie sich eine Welt ohne Briefe
vorstellen? Ohne gute Seelen, die Briefe schreiben, ohne andere Seelen, die diese Briefe
lesen und sich daran laben, eine Welt ohne Absender, Empfänger und Briefträger ?? Der
einzige Ort, wo ich mir eine derartige Welt vorstellen kann, es ist der Hades; ich habe
beglaubigte Nachrichten, dass die Ober- und Unterteufel einander nie schreiben". 1.)
- Dass Briefe und das Briefschreiben ein Medium
der Massenkultur ist, daran besteht kein Zweifel. Dass aber die Auseinandersetzung mit dem
postalischen Kommunikationsphänomen etwas mit Kunst zu tun haben soll, das ist schon
merkwürdig.
- Neben den alternativen"
künstlerischen Äußerungen, im Gegensatz zu den tradierten ästhetischen Kunstpraktiken,
hat sich seit den 50er/60er Jahren eine Abwendung vom Werk-Gegenstand, also eine Abwendung
von der autonomen Existenz eines in sich geschlossenen ästhetischen Produktes, vollzogen,
hin zu Kunstprozessen, in deren Verlauf Spuren zurückbleiben, als Reste, als Abfälle,
als Denkauslöser von kurzer LERBSNDAUER: das Happening, das experimentelle Theater, der
Aktionismus oder die Performance-Art sind hier zu nennen. Das Dreieck
Künstler-Werk-Galerie-Sammler" wurde zerstört. Es entstand ein neues, in der
Kunst bis dahin recht ungewöhnliches Bezugsdreieck Künstler-Werk-Empfänger",
wobei der Empfänger nicht anonym, bleibt, sondern auch als Reagierender direkt in den
Kommunikationsprozess dann auch in umgekehrter Weise einschalten kann, d.h., der
Empfänger wird Künstler und der Künstler wird Empfänger, und das im endlosen
Wechselspiel. Der übliche konsumierende Empfänger, Kunstbetrachter, einer ästhetischen
Botschaft wird aktiver reagierender Empfänger und somit Teil des ästhetischen
Kommunikationsprozesses.
- Bei der Mail Art geht es um die
Handlungsbereiche: Herstellen Absenden Empfangen - Weitermachen".2.)
- Ob die Mail Art im tradierten Kunstkanon
jemals eine Stimme haben wird, ist ungewiss; ob sie im kommerzialisierten Kunstaustausch
irgendwann einen Tauschwert haben wird, ist noch ungewisser. Ganz sicher allerdings kann
man feststellen, dass die Mail Art als eine allgemeine humane interpersonelle Resonanz im
sozialen Handlungsraum nicht überhörbare Signale abgibt. Stimulierend dafür ist weder
eine akademisch ästhetisierende Komponente, noch irgendein anderes Merkmal der
ästhetischen Tradition, sondern die einzige Orientierung ist die soziale Realität. In
der festgefahrenen fremdbestimmten sozialen Umwelt geht es den Mail Art Künstlern in
erster Linie um eine Wiederherstellung des menschlichen Dialogs (Kommunikation), es geht
um eine breite Demokratisierung von Sinneserlebnissen.3.)
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- Das künstlerische"
Kommunikationsschema der Mail Art:
- Kunsthistorisch gesehen, ist die Mail Art
nirgends einzuordnen. Berührungsstellen zu Dada, zu Fluxus, zu Nouveaux Realism und zur
visuellen und konkreten Poesie sind feststellbar, aber nicht die Wurzeln oder Vorläufer.
Es gibt auch nicht DIE Mail Art, EINE Ausdrucksform oder EINEN Stil. Mail Art ist
eine Geschichte der Einstellung und Leben, und innerhalb des Mail Art Netzes sind
sehr verschiedene und gegensätzliche Vorstellungen vorhanden"4.) Ihre
Existenz verdankt sie zunächst einmal dem Bedürfnis, aktuelle Möglichkeiten der
ungewöhnlichen Kulturproduktion zu erforschen, wie es eigentlich alle Neuerungen in der
Kunst, aber auch woanders, zum Inhalt haben. Das gezielte Anvisieren einer Gestaltung
elementarer Kommunikations- und Artikulationsformen.
- Mail Art wird mit KUNST" in
Verbindung gebracht, weil sie schöpferische Kräfte mobilisiert, aber auch
demokratisiert, was fast alle Kunstspielformen davor in der Weise nicht fertiggebracht
haben, abgesehen von einigen provozierten vorprogrammierten Reaktionen des Publikums bei
Happenings, Aktionen, Performances oder Installationen, wo die Mitbeteiligung des
Publikums vom Künstler bereits kanalisiert wird. Schöpferische Eigentätigkeit fehlt
hier weitgehendst und Spontaneität wird vorgetäuscht.
- Eine der wichtigsten Funktionen von Kunst, das
Leben immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hat sich gewandelt. Nie war das
Kommunikationsbedürfnis des Menschen zu wichtig und entscheidend wie gerade heute.
Deshalb muss schöpferisches Spielen und Mitspielen dort angeboten werden, wo für jeden
Entdeckungen im Bereich der Sinneswahrnehmungen gemacht werden können. Das Spielfeld muss
im Alltag beheimatet sein, der Handlungsspielraum muss bekannt sein, die Medien müssen
allen zugänglich sein. Die Mail Art zeigt nicht Wege, auf denen man gehen kann oder gehen
muss, sie zeigt, dass man überhaupt gehen kann. Und zwar jeder, der schreiben und lesen
kann, eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für menschliches Existieren überhaupt,
ist potentieller Akteur.
- Eine Reaktion ( wie es üblich ist) vor einem
Kunstwerk ist nicht der Abschluss des Wechselspiels zwischen Kunstwerk und Betrachter,
sondern die Reaktion schlägt bei der Mail Art um in eine Aktion, und zwar in eine aktive,
kooperierende, materiale Aktion. In keiner Kunstform vor der Mail Art ist der Kreis derer,
die aktiv integriert sind, nicht nur bewundernd, so weltweit, so international, so groß
gewesen. Mail Art gibt es in allen Erdteilen, in abgelegenen Orten wie in Großstädten,
im Osten wie im Westen, in jedem politischen und gesellschaftlichem System, in jeder
Altersgruppe. Die Mail Art ist ein soziales Phänomen. Robert Rehfeldt, ein viel zu früh
verstorbener Künstler, der seine Mail Art Aktivitäten in der damaligen DDR auf ein
qualifiziertes Höchstmaß gebracht hat, schrieb: Ein wesentlicher Bestandteil (der
Mail Art) aber scheint mir zu sein, dass Menschen, Künstler und auch Laien, die sich
persönlich gar nicht kennen, über große Entfernungen hinweg näher kommen im Sinne der
Völkerverständigung, indem sie Zeichen geben für ein friedliches Nebeneinander, bei
aller Unterschiedlichkeit ihre4r Auffassungen. Künstler waren immer die ersten
Signalboten, wir sollten es so werten, am besten gleich, frankiert und frei Haus".5.)
- Die Mail Art ist eine Methode, schöpferische
Kräfte freizulegen, Mut zu machen, öffentlich sich mit seinem Tun zu identifizieren,
bereit zu sein, mit anderen über seine Ideen zu kommunizieren.
- Man könnte das System der Mail Art in vier
Felder gliedern, um dem ganzen eine Struktur zu geben, aus der hervorgeht, dass es nicht
nur offenes Spielen mit einem Medium ist. Es geht um
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- Infragestellen von nicht-hinterfragten
Vorschriften, Bestimmungen und Entscheidungen in der Bürokratie, in der Kultur, in der
Politik, in der Ökologie, in der Technologie in allen Sozialformen,
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- Darstellen des oft unmenschlichen Benutzens
offizieller Anweisungs- und Mitteilungstechniken als Machtmittel,
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- gezielte Anleitung zum bewussten Reflektieren
über ritualisierte Normalitäten, und
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- Möglichkeiten der Aneignung einer
verschütteten Artikulationsmöglichkeit mit der Aufforderung als Absicht, dabei
mitzuwirken.
- Und das passiert von einfachen spielerischen
Kritzeleien als verträumtes Spielen mit dem Schreibwerkzeug bis hin zum zwanglosen
Sich-Äußern zu irgendeinem Alltagsgedanken. Spaß gehört ebenso dazu wie der ernsthafte
Gedanke.
- Dass vor der weltweiten Öffnung der
politischen Systeme die Mail Art in Lateinamerika und im gesamten Ostblock die einzige
grenzenüberschreitende Kontaktmöglichkeit mit Gleichgesinnten" bedeutete, ist
ein Aspekt dieser künstlerischen Spielform, der nicht hoch genug gewürdigt werden muss.

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